Diese Reise führte zu den spektakulärsten Landschaften Chinas. Die 8 Teilnehmer der Reisegruppe unter der bewährten Leitung von Manfred Seebauer begannen ihre Reise in Shanghai, das bis 1998 (Anschluss Hongkong) einzige Tor Chinas zum Meer.
Ganz in der Nähe von Shanghai wurden nach kurzen Zugfahrten die Gartenstädte Suzhou und
Hangzhou besucht. Inlandsflüge brachten uns nach Guilin mit seinen bizarren,
üppig bewachsenen Kalkkegeln und nach Chongqing, dem Ausgangspunkt der Schifffahrt durch
die "Drei Schluchten" des Jangtse. Diese Flußfahrt geriet zu einem besonderen Abenteuer,
weil die Fluten des Jangtse gerade sämtliche Hochwassermarken überschritten hatten.
Am Ausgangspunkt stand dann der Besuch im chinesisch-deutschen Entwicklungsprojekt in der Provinz
Hubei auf dem Programm. Eine achttägige Fahrt durch das Hochland von Tibet mit anschließendem
Flug von Lhasa nach Kathmandu, vorbei an den klar sichtbaren Gipfeln des Everest,
Kantschentschönga und anderer Achttausender, bescherte überwältigende und unvergessliche
Eindrücke.
Doch lassen wir einige der Teilnehmer selbst zu Wort kommen.
11. August:
Suzhou ist für seine Gärten weltbekannt und vier davon sind in die Denkmalbücher der UNESCO als geschütztes Welterbe eingetragen. In der Natur liegt die höchste Harmonie, im Streben danach wurde der Garten gestaltet. Beeindruckend die Pagode "Lotus von allen Winden" in der Teichmitte. Prächtig die rosa blühenden Lotusblumen mit ihren riesigen Blättern. Diese heilige Pflanze ist universal. Die Blüten erfreuen das Auge und werden vermarktet. Die nussartigen Früchte werden gegessen, die Blätter werden zu Tee und die Wurzeln zu einem schmackhaften Gemüse verarbeitet. Ein kleiner Pavillon lässt uns nachdenklich werden: der Fächerpavillon oder "mit wem zusammensitzen". Mit dem Wind oder dem Mond? Oder vielleicht doch lieber mit einem Glas Rotwein?
H. M. STÜBLER
14. August:
Die Karstberge von Guilin inspirierten viele Dichter und Maler. Sie dienten als Vorbild für die chinesische Gartenbaukunst. Da ich kein Dichter bin, um die Eindrücke dieses Tages in Reime zu fassen, lasse ich sie lieber nachhaltig in mir wirken. Maler bin ich auch nicht, habe aber vieles, vielleicht zuviel, mit dem Photoapparat eingefangen. Als bescheidener bayerischer Beamter kann ich es mir im Gegensatz zu den chinesischen Kollegen auch nicht leisten, diese einmalige Landschaft "en miniature" zu Hause nachbilden zu lassen. Ich gebe mich mit den unvergesslichen Eindrücken zufrieden.
H. BEUDERT
17. August:
Es ist schon merkwürdig: Während dieser mächtige Strom in seinem Unterlauf gerade in diesen Tagen Hunderttausenden von Menschen Tod und Verderben bringt, lassen wir uns von seinen "Fluten" durch grandiose Landschaften im Mittellauf des Flusses treiben. Die außergewöhnliche Situation, durch die enorme Wasserführung des Jangtse hervorgerufen, bleibt uns jedoch keineswegs verborgen. Außer einigen großen Passagierschiffen bewegt sich nämlich nichts mehr auf dem sonst so lebhaften, quirligen Strom. Lastkähne, Fischkutter, Fähren, kleinere Passagierboote und Fischerboote, sonst zu Hunderten unterwegs, liegen alle aus Sicherheitsgründen in den Seitenbuchten vor Anker. Auch "atmosphärisch" ist der hohe Wasserstand für uns alle hautnah spürbar: An den "Ufern" begleiten uns im Wasser stehende Bäume, die nur mehr mit den Wipfeln herausragen. Kaum vorstellbar, dass es Bäume sind, die normalerweise irgendwo am Hang stehen - der Fluss führt ja eine bis zu 60 m (!) höhere Wassersäule "über normal" mit sich: 55.000 cbm pro Sekunde (Hat der Rhein 5.000 cbm, steht halb Köln unter Wasser)! Die Wasseroberfläche macht auf den ersten Blick einen ruhigen, fast seeähnlichen Ein-druck. Doch dieser Eindruck ist sehr trügerisch und wir haben viel Gelegenheit, die unheimlichen Einzelheiten zu beobachten: Gewaltige Strudel tun sich auf, Äste, Zweige, ganze Bäume und abgerissene Landinseln treiben vorbei, dazu zahlreiche tote Tiere, vor allem Schweine. Tatsächlich ist die Wasseroberfläche nirgends und niemals "ruhig". Die gurgelnden, braungelben Wasser machen in jedem Abschnitt deutlich, dass sie die uneingeschränkten Meister des Geschehens sind.
M. SEEBAUER
18. August:
In der Eingangshalle des Hotels erwarten uns die Mitarbeiter des "Sino-German Hubei Afforestation Project". Nach der offiziellen Begrüßung geht es in Minibussen mit Polizeieskorte hinauf in die Berge über dem Jangtse-Tal. In vielen Serpentinen windet sich die holprige Straße durch zahlreiche Schlammlöcher auf eine Höhe von etwa 800 m. An den Hängen verstreut liegen Bauernhäuser, umgeben von Maisfeldern, Lotusgärten und Maulbeerbäumen. Entlang der Straße begegnen wir immer wieder mit Säcken beladenen Bauern. Sie sind auf dem Weg zu einer Abgabestelle der Seidenraupen-Kokons. Die Seidenraupenzucht bringt den Bauern dieser Gegend im Durchschnitt etwa 1.000 Yuan (ca. 100 Euro) ein, was einem Drittel ihres Jahreseinkommens entspricht. Dreimal jährlich kauft der Bauer von einer staatlichen Stelle die Eier. Auf einem großen, geflochtenen Tablett schlüpfen die Raupen. Damit sie rasch wachsen, müssen sie mehrmals täglich, auch nachts, mit den Blättern der Maulbeerbäume (Morus alba) gefüttert werden. Wird die Haut der Raupe durchsichtig, beginnt die Verpuppung. Die weißen Kokons werden bis zum Verkauf in Strohspindeln aufbewahrt. Um den Bauern ausreichend Futter für ihre Seidenraupen zu garantieren, werden auf den Aufforstungsflächen des Projekts neben Robinien auch Maulbeerbäume gepflanzt. Weitere Baumarten, die einzeln oder in Gruppen beigemischt sind, sind Zypressen und chinesische Spießtannen, eine Nadelbaumart, die in dieser Region Chinas auch natürlich weit verbreitet ist.
G. SEEBAUER
19. August:
Wir besichtigen heute eine zweite Fläche des Forstprojekts in der Provinz Hubei. Mit unseren chinesischen Kollegen geht's mit Blau- und Rotlicht im Konvoi zur Stadt (Yichang) hinaus. Alles wird überholt. Nicht weit vor der Stadt wandern wir zum Fluss hinunter und warten geduldig auf den Fährmann, der auf der anderen Seite von den Hügeln herabwandert. In kleinen Gruppen überqueren wir den sauberen Strom. Bei mörderischer Hitze wandern wir ins Projekt. Auch unserer liebenswürdigen Führerin läuft trotz des schönen Strohhuts das Wasser von der Stirn. Wir finden Fossilien und freuen uns über etwas Trinkbares. Unsere fürsorglichen Gastgeber haben oben auf den Berg Wasser mitgenommen und unten am Fluß gibt es Kuchen, Bananen und Trauben. Nach Yichang zurückgekehrt, erwartet uns ein üppiges Mahl. Neben dem Landrat ist auch der Vizebürgermeister gekommen, zuständig für Erziehung, Kultur und Gesundheit. Er spricht vom Hochwasser und dem großen Staudamm-Projekt. Im Landkreis mit ca. 500.000 Einwohnern sind 30.000 Menschen von der Umsiedlung betroffen. Insgesamt werden mehr als eine Million Menschen ihre Wohnungen verlassen müssen. Gleichzeitig findet ein ungeheurer Zustrom von Menschen in die Neubaugebiete der Stadt Yichang statt, die mittlerweile 700.000 Einwohner umfasst. Mit dem reichlichen Mahl werden wir nicht fertig. Ich bin froh, daß diesmal kein Wetttrinken stattfindet - Gambai!
H. M. STÜBLER
22. August:
In aller Früh' um 6 Uhr Aufbruch zum "Drepung" Kloster, wo heute das Joghurt-Fest gefeiert wird. Es verspricht, ein großes Ereignis zu werden, denn schon während der Anfahrt in der Dunkelheit wird deutlich, dass es viele Menschen, Touristen, aber wohl in der Mehrheit gläubige Tibeter wie ein Magnet anzieht. Das Kloster wurde 1416 von Anhängern des Gelbmützen-Ordens (Gelupka) erbaut und stieg zum politischen Zentrum dieses Ordens auf. Es ist daher das größte lamaistische Kloster Tibets und beherbergt die Grabstupas des 2., 3. und 4. Dalai Lamas. Im Morgengrauen stolpern wir, in eine endlos erscheinende Menschen-Schlange eingereiht, am Kloster vorbei, den Berg hinauf zu einem Gestell, auf dem ein riesiges Tangka (Stoffbahnen aus Seide mit religiösen Darstellungen, meist Bildnisse von Buddha) entrollt werden wird. Überall steigen Rauchwolken von brennenden Kräuterhäufchen in die Luft. Die Menschen verteilen sich zu Füßen und an den Seiten des großen Gestells. Es ist schon hell, aber die Sonne versteckt sich noch hinter einem Berg, als die Mönche in einer Prozession aus dem Kloster herauskommen und sich beim Klang tibetischer Trompeten und Blechbecken auf unsere Seite des Tales begeben. Sie lassen sich zu Füßen des Gestells nieder und beginnen ihre monotonen, aber in diese karge Landschaft passenden Bet-Gesänge. Am oberen Ende des Gestells haben die jüngeren Mönche und Novizen Aufstellung genommen und beginnen, das am unteren Ende zusammengerollte Tangka an Stricken langsam nach oben zu ziehen. Je höher der Stoff klettert und je mehr sich das Bildnis entrollt, desto heller wird es und schließlich fallen die ersten Sonnenstrahlen, die über den Bergkamm blitzen, auf das lächelnde Antlitz Buddhas.
J. Blanke
26. August:
Heute steht ein Ausflug zum Kloster "Ganden" auf dem Programm. Es liegt etwa zwei Stunden von Lhasa entfernt auf einer Höhe von 4.200 m. Die Straße dorthin führt am Lhasa-Fluss aufwärts. Aufgrund der ungewöhnlich heftigen Regenfälle der letzten Zeit ist die Straße an vielen Stellen weggespült und unser Bus ist zu abenteuerlichen Manövern gezwungen, während wir die Geröllhalden zu Fuß überqueren. Zum Kloster selbst geht es über einen Feldweg in vielen Serpentinen den Berg hinauf. Es liegt phantastisch! Wie ein Amphitheater reihen sich die Klostergebäude in einer Gipfelmulde aneinander. Alle wurden ab 1980 neu errichtet, nachdem die alte Klosteranlage - wie gut 6.000 andere Klöster Tibets auch - während der Kulturrevolution vollständig zerstört worden war. Das Schicksal vieler kostbarer Kultgegenstände ist bis heute unbekannt. Vor dem Besuch des Klosters lockt uns der Berg! Langsam, aber stetig (die Luft ist dünn!) steigen wir zu einem Bergrücken und schließlich zu einem Gipfel hinauf. Für die Fotografen stellen sich zottelige, pechschwarze Yaks in Positur. Vielfarbige Polster von Bergblumen zwingen zu Kniebeugen beim Fotografieren, wobei ein leichtes Schwindelgefühl manchmal nicht zu vermeiden ist. Schließlich erreichen wir am Gipfel eine Höhe von über 4.600 m! Bunte Gebetsfahnen, häufig mit "Lungta", dem Windpferdchen, bedruckt, flattern auf den kleinen Felsgipfeln des Bergrückens. Eine herrliche Aussicht belohnt unsere Mühen. Weit unter uns reihen sich grüne, gelbe und hellbraune Felder wie ein Flickenteppich um die Dörfer. Der Lhasa-Fluss windet sich wasserreich durch das Haupttal.
U. Loy